Pietismus: Vielfältige Reformbewegung mit anhaltender Aktualität

"Pietismus Handbuch" greift Diversifizierung und Internationalisierung der Pietismusforschung auf

11.11.2020

Der Pietismus ist nach der von Luther angestoßenen Reformation die wichtigste Reformbewegung in Europa. Sie hat den Protestantismus nachhaltig geprägt und wirkt in den westlichen Gesellschaften bis heute nach. In Nordamerika etwa gehören Evangelikale, die ihre Wurzeln zu einem großen Teil im deutschen Pietismus des späten 17. und 18. Jahrhunderts haben, zu einer der größten religiösen Gruppierungen. Die Auswirkungen des Pietismus zeigen sich nicht nur in einer großen regionalen Verbreitung, sondern zudem in einer breiten Einflussnahme auf unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche. "Der Pietismus ist eine durchaus innovative und spannende Bewegung. Außer seiner kirchengeschichtlichen Bedeutung ist er für die Geschichtswissenschaft, die Germanistik, die Kunst- und Architekturgeschichte, die Musikwissenschaft und die Erziehungswissenschaft von großem Interesse, um nur einige Bereiche zu nennen", sagt Prof. Dr. Wolfgang Breul von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Er gibt zusammen mit Dr. Thomas Hahn-Bruckart von der Universität Hamburg das "Pietismus Handbuch" heraus, das den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet wiedergibt.

Nicht der Glaube allein, sondern Frömmigkeit und Lebenswandel sind entscheidend

Der Pietismus entwickelt sich Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Ziel und dem Anspruch, die individuelle Frömmigkeit stärker in den Mittelpunkt zu stellen – durch Gebet, Meditation und einen gemäßigten Lebensstil. "Der Pietismus ist eine ambitionierte Reformbewegung. Er greift vorreformatorische und radikale Einflüsse auf, und mit ihm gewinnt die individuelle Ausgestaltung des Glaubens deutlich an Gewicht", sagt Breul. Obwohl die Bewegung sehr divers ist, zeigen sich auch gemeinsame Merkmale. Im Zentrum steht die Erneuerung des Frömmigkeitslebens und damit verbunden eine gewisse Abwendung von der verfassten Kirche. Die stärkere Zentrierung auf den persönlichen Glauben ist häufig mit einer intensiveren Bußpraxis und religiöser Selbstbeobachtung verbunden. Die Beobachtungen werden daher auch in Tagebüchern festgehalten, womit ein wichtiger Baustein für das Genre der Biografie gelegt ist, das in dieser Zeit aufzublühen beginnt.

"Es ist nicht so einfach zu sagen, was die pietistischen Strömungen verbindet, außer einer zeitlichen Spanne von etwa 1670 bis 1770", so Breul. "Es gibt nicht den einen Pietismus, der normativ ist. Das Spektrum ist unglaublich weit." So gibt es Strömungen mit stark asketischen Zügen, aber auch lebensfrohe Strömungen und radikale Positionen, die mit Konventionen gebrochen haben oder die Rolle der Frau neu definierten. Gemeinsam ist jedoch den meisten Ausprägungen ein sozialer und kultureller Nonkonformismus und neue religiöse Gemeinschaftsformen wie Konventikel sowie eine Tendenz zur Verinnerlichung und Individualisierung, die teilweise Aspekte der Aufklärung vorwegnahmen.

Impulse und Traditionen leben in evangelikalen Strömungen und anderen Gruppierungen fort

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lässt der Einfluss des Pietismus auf Kirche, Kultur und Gesellschaft im deutschsprachigen Raum nach. "Etwa um 1800 beginnen neue Entwicklungen, die daran anknüpfen, wie etwa die Erweckungsbewegungen. Die Impulse und Traditionen leben auch in evangelikalen Strömungen und anderen Gruppierungen des 20. Jahrhunderts partiell fort", beschreibt Breul die Wirkungsgeschichte. Der Theologe weist darauf hin, dass zum Beispiel auch die Pfingstbewegung über mehrere Stationen auf den Pietismus zurückgeführt werden kann. "Oft kann man die Wurzeln im Pietismus aufspüren, auch wenn der Zusammenhang nicht offen auf der Hand liegt oder manchmal auch geleugnet wird." Insgesamt ist festzustellen, dass sich aus der Reformbewegung mit ihren modernen Aspekten im Laufe der Zeit eher sozial konservative Strömungen herausgebildet haben.

Mit seinen vielfältigen Ausprägungen, Auswirkungen und der Internationalisierung bietet sich der Pietismus heute noch als reicher Fundus für Forschungsprojekte an. "Er ist ganz besonders für kulturgeschichtliche Fragestellungen interessant, etwa für Fragen der Geschlechterbeziehungen, Pädagogik oder im Hinblick auf kulturelle Veränderungen", sagt Breul. Das "Pietismus Handbuch" bietet einen umfassenden Überblick und behandelt wichtige Aspekte der pietistischen Frömmigkeit wie Gemeinschafts- und Sozialformen, Erbauungsliteratur, Lieder und Gesangbücher sowie kulturelle und gesellschaftliche Themen.