Mainzer Sportinformatik-Initiative wird mit Gründung der International Association of Computer Science in Sport zum Global Player

Internationale Sportinformatik-Gemeinde gibt sich institutionelle Basis

07.07.2003

Zwei Sportler trainieren sechs Monate lang dreimal pro Woche. Nach dieser Tainingsperiode hat der erste Sportler seine Sprintzeit und Sprungkraft deutlich verbessert. Der zweite Athlet läuft mit einer schlechteren Zeit als zu Beginn des Trainings, auch seine Sprunghöhe hat sich verringert – die Folgen einer zu hohen Trainingsbelastung, auch Übertraining genannt. "In der heutigen Situation des Spitzensports, aber auch beim Nachwuchs, wird oft nach dem Prinzip 'mehr hilft mehr' trainiert", erläutert Sportinformatiker Prof. Dr. Jürgen Perl von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). "Das stimmt aber nicht immer, denn eine vernünftige Reduzierung der Belastung mit Regenerationseffekten kann manchmal besser sein." Wann genau und wie, das kann die Sportinformatik mit Hilfe von Computermodellen errechnen.

Modellbildung und Simulation ist ein Schwerpunkt der Mainzer Sportinformatiker, die im internationalen Vergleich ganz vorne mitspielen. Bei der Gründung der International Association of Computer Science in Sport (IACSS) im Mai diesen Jahres wurde Prof. Dr. Jürgen Perl, Leiter des Instituts für Informatik an der JGU, zum Präsidenten der neuen Organisation gewählt. "Die wissenschaftliche Arbeit ist zwar längst international und wird über die elektronischen Medien hervorragend verbreitet", erklärt Perl, "aber die internationale Einbindung hilft und zwingt auch dazu, sich über die Landesgrenzen hinweg dem Wettbewerb zu stellen und die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern." Die Disziplinen, in denen die Sportinformatiker wetteifern, sind vielfältig: Modellbildung und Simulation versuchen beispielsweise die optimale Trainingsbelastung zu ermitteln oder die optimale Bewegung für den Balleinwurf im Fußball. Datenbanken und Datenverwaltung dienen etwa der Analyse von Sportereignissen. Die Softwareentwicklung trägt dem Bedarf nach Spezialsoftware für spezifische Problembereiche Rechnung, zum Beispiel zur Spielbeobachtung oder zur Bildanalyse. Multimedia-Techniken und E-Learning werden zur Trainingsunterstützung sowie Vorbereitung und Analyse von Wettkämpfen eingesetzt.

Die Anfänge der Internationalisierung gehen auf das Jahr 1997 zurück: Die Mainzer Sportinformatik organisierte zusammen mit der Deutschen Sporthochschule in Köln das erste internationale Symposium zum Thema "Computer Science in Sport", das mit Teilnehmern aus 15 europäischen und außereuropäischen Ländern bereits ein großer Erfolg war. Beim vierten internationalen Symposium waren dieses Jahr in Barcelona 25 Länder vertreten. 2002 kam das elektronische "International Journal of Computer Science in Sport" ins Netz. "Jetzt wurde die Zeit reif, dem gewachsenen Selbstverständnis der internationalen Sportinformatik-Gemeinde Rechnung zu tragen und eine institutionelle Basis zu schaffen", erklärt Perl zur Gründung der IACSS. Gerade für die Durchführung von Projekten und Veranstaltungen und nicht zuletzt auch zur Selbstdarstellung wird die neue Institution eine geeignete Plattform bieten.

Indessen werden die Mainzer Informatiker auch weiterhin lokal ihre Schwerpunkt-Projekte verfolgen und unter anderem weiter an Spielbeobachtungssystemen, der Prozessanalyse mit Hilfe Künstlicher Neuronaler Netze oder der Modellbildung zur Verbesserung der Trainingsplanung arbeiten – vielleicht lassen sich dann auch unnötiges Übertraining und gefährliche Kollapssituationen im Sport künftig vermeiden.