Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung Europa: DFG bewilligt neues Graduiertenkolleg

20 Doktoranden und 3 Postdocs untersuchen ab April 2009 die Reaktionen der christlichen Kirchen auf Europadiskussionen und Europäisierung

28.11.2008

Mit der Haltung der christlichen Kirchen zu Europa und der europäischen Einigung sowie den wechselseitigen Beziehungen und Einflussnahmen wird sich eine Gruppe von Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlern ab dem kommenden Frühjahr in Mainz befassen. Dann fällt der Startschuss für ein neues Graduiertenkolleg, das die Johannes Gutenberg-Universität und das Institut für Europäische Geschichte zum Thema "Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung Europa" einrichten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat das Projekt mit einer Laufzeit von zunächst 4,5 Jahren und der Option auf eine Verlängerung um weitere 4,5 Jahre bewilligt und stellt für die erste Phase gut zwei Millionen Euro bereit.

Der aufkommende Europagedanke und seine Verbreitung seit den 1890er Jahren hat die christlichen Kirchen zunächst kaum berührt. "Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche hatten zunächst einmal einen globalen Auftrag", erklärte der Direktor der Abteilung Universalgeschichte des Instituts für Europäische Geschichte Prof. Dr. Heinz Duchhardt, der Sprecher des neuen Graduiertenkollegs. "Daher ist der Integrationsprozess über einen beträchtlichen Zeitraum weitgehend an ihnen vorbeigegangen und es hat lange gedauert, bis sie sich der Thematik der Europäisierung angenommen haben." Besonders in der Zwischenkriegszeit kam unter dem Eindruck des wie ein Schock wirkenden Ersten Weltkriegs eine paneuropäische Bewegung auf, die fast Züge einer Ersatzreligion entwickelte. "Europa wurde zu einem neuen Credo, und die beiden großen Kirchen fühlten sich an den Rand gedrängt", so Duchhardt.

Die Reaktionen der christlichen Kirchen auf die Europadiskussion im 20. Jahrhundert und den Prozess der Europäisierung seit den 1950er Jahren werden in dem Graduiertenkolleg mindestens 20 Doktoranden und 3 Postdocs im Einzelnen untersuchen. Sie werden dabei die amtlichen Stellungnahmen der Kirchen, also der Bischofskonferenzen, der Kurie und der Synoden, ebenso einbeziehen wie auch die Haltung führender Repräsentanten der Kirchen, insbesondere von Bischöfen und Theologen. Auch die Positionen kirchlicher und kirchennaher Gruppen zum Phänomen "Europa" stehen im Fokus der Forschungen.

Weitere Einzelprojekte widmen sich den Versuchen der Kirchen, seit den 1970er und 1980er Jahren Einfluss auf die sozialethischen Maßnahmen der europäischen Behörden zu gewinnen. Es soll aber auch untersucht werden, wie "Europa" das "Selbstverständnis" der Kirchen veränderte, wie ihr grundsätzlich globaler Auftrag sich in die europäischen Herausforderungen einpasst, wie zwischen ökumenischen Ansätzen und "Europa" Brücken gebaut werden. Duchhardt zufolge wird dabei der Blick über die großen Konfessionen hinausreichen und etwa auch die Anglikanische Kirche, die Altkatholiken und den Bereich der Orthodoxie umgreifen.

Das Graduiertenkolleg wird getragen von Historikern, Theologen, Politikwissenschaftlern und Juristen aus beiden Einrichtungen und soll am 1. April 2009 starten. Die Stipendien werden international ausgeschrieben, die Promotionen werden an der Johannes Gutenberg-Universität durchgeführt. In jedem Fall erfolgt eine Doppelbetreuung durch einen fachlich zuständigen Dozenten und einen Dozenten aus einem Nachbarfach. Durch die Postdoc-Stellen wird auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine Perspektive eröffnet.

Für das Graduiertenkolleg wird ein umfangreiches Studienprogramm aufgebaut, das neben internen Workshops, Master Classes und Blockseminaren auch Ringvorlesungen umfasst, die öffentlich zugänglich sein werden. Die Kollegiaten werden in die Aktivitäten der Mainzer Graduiertenschulen und des Giessener Centre for the Study of Culture eingebunden.