Wurde Nîmes durch die Cyprianische Pest entvölkert?

Untersuchungen der Karbonatablagerungen des Aquädukts mit dem berühmten Pont du Gard geben Aufschluss über die Wasserversorgung der antiken Stadt Nîmes

16.09.2026

Forschende der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben den Karbonatablagerungen im römischen Aquädukt mit der berühmten Brücke Pont du Gard neue Erkenntnisse zur antiken Wasserbewirtschaftung in der französischen Region um Nîmes entlockt. Unter anderem ist der um das Jahr 50 n. Chr. erbaute Aquädukt nach elf Betriebsjahren um eine weitere Quelle erweitert worden – ein Ereignis, das mit einer historisch belegten Trockenperiode zusammenfiel. 100 Jahre nach dem Bau des Aquädukts wurde die Wasserzufuhr in die Stadt gezielt gedrosselt. Wahrscheinlich floss ein Teil des Wassers stattdessen auf landwirtschaftliche Flächen im Umland. Weitere 120 Jahre später kam die städtische Wasserversorgung vollständig zum Erliegen, was mit einer reichsweiten Wirtschaftskrise und der Cyprianischen Pest von 250 bis 270 n. Chr. zusammenfiel. Vermutlich wurde Nîmes durch die Pest entvölkert und das Wasser in der Stadt somit nicht länger benötigt. "Die Karbonatablagerungen dokumentieren menschliche Eingriffe über einen Zeitraum von etwa 300 Jahren während der Pax Romana, zudem gewähren sie Einblicke in soziale Unruhen", fasst Dr. Gül Sürmelihindi vom Institut für Geowissenschaften der JGU zusammen. Die Ergebnisse der Karbonatuntersuchungen hat das Team um Prof. Dr. Cees Passchier am 15. September im Magazin Geoarchaeology veröffentlicht.

Nach elf Jahren wurde das Aquädukt um eine zweite Quelle erweitert

Für ihre Untersuchungen hatten Sürmelihindi und ihr Kollege Passchier an zehn Stellen des 50 Kilometer langen Aquädukts Proben des Karbonatgesteins entnommen, das sich im Lauf der Zeit durch das durchfließende Wasser gebildet hatte, und die Schichten des Gesteins mithilfe von Isotopenanalysen untersucht. Unterschiede im Wasserzufluss und in der Temperatur hatten dazu geführt, dass sich in den Schichten verschiedene Muster, vergleichbar mit Jahresringen von Bäumen, ausgebildet hatten. "Am unteren Ende der Proben befindet sich eine etwa zwei Zentimeter dicke Karbonatschicht, die von einer dünnen Tonschicht bedeckt ist", sagt Passchier. Nach seinen Angaben weist die Zusammensetzung dieser Schicht und insbesondere die Tonschicht, die beide innerhalb der ersten elf Nutzungsjahre des Aquädukts abgelagert wurden, auf eine Dürreperiode im westlichen Mittelmeerraum hin, von der auch der römische Historiker Tacitus berichtet. "In den weiteren Schichten verändert sich das Karbonat: Nach elf Jahren ist eine andere Art Wasser hinzugekommen. Es wurde eine weitere Quelle erschlossen, um das Aquädukt mit ausreichend Wasser zu versorgen", sagt Passchier. Dies korreliert mit baulichen Veränderungen des Aquädukts – die Seitenwände wurden erhöht, verstärkt und teilweise gestützt, um dem höheren Wasserstand Rechnung zu tragen – die noch heute am Pont du Gare zu erkennen sind.

Mächtige Personen entnahmen Wasser

Um etwa 150 n. Chr. wurden die abgelagerten Karbonatschichten deutlich dünner: Der Wasserstand des Aquädukts sank. „Etwa die Hälfte des Wassers, das die Stadt versorgte, wurde abgezweigt, um Felder zu bewässern – aufgrund der großen Menge scheint es sich um eine legale Abnahme gehandelt zu haben“, sagt Sürmelihindi. Dies könne nur für sehr einflussreiche Personen möglich gewesen sein, außerdem scheint die Stadt das Wasser nicht sehr dringend benötigt zu haben. Für die nächsten rund 100 Jahre funktionierte die Wasserleitung einwandfrei – allerdings mit reduzierter Wassermenge in der Stadt.

Ab etwa 270 n. Chr. stoppt die Wasserversorgung der Stadt: Die Cyprianische Pest?

Ab Mitte des dritten Jahrhunderts veränderten sich die Farbe und die Zusammensetzung des Karbonats: Es wurde poröser, Lehm und Sand kamen hinzu – das Aquädukt wurde nicht mehr gut instandgehalten. "In vielen Teilen des Römischen Reichs herrschten große wirtschaftliche und politische Unruhen. Wir sehen am Karbonat, dass sich der Zustand der Stadt verschlechterte", sagt Sürmelihindi. Etwa um 270 n. Chr. fand die Karbonatablagerung bei den stadtnah entnommenen Proben ein abruptes Ende: Die Wasserversorgung der Stadt Nîmes wurde komplett abgesperrt. Stattdessen entnahmen Landbesitzer mit riesigen Ländereien stromaufwärts das Wasser, wie die kontinuierliche Karbonatabscheidung in den ländlichen Aquäduktteilen verrät.

"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Bevölkerung in Nîmes etwas zugestoßen ist", sagt Sürmelihindi. "Möglicherweise stellte die Cyprianische Pest, die hauptsächlich für Nordafrika und selbst für Rom dokumentiert ist und viele Todesopfer forderte, auch in Südfrankreich ein Problem dar – wie der Mitautor unserer Studie, Professor Andrew Wilson von der University of Oxford, vermutet. Über diese Pest in Westeuropa ist nicht viel bekannt." Entvölkerte diese Seuche die Stadt Nîmes und ließ Überlebende von der Stadt aufs Land ziehen? Archäologische Funde untermauern diese These aus den Karbonatuntersuchungen: Viele Städte in Südfrankreich schrumpften in dieser Zeit – einige infolge von Invasionen durch Barbaren, andere jedoch aus ungeklärten Gründen. Die Stadt Cahors, etwa 300 Kilometer westlich von Nîmes, steckte auch in einer Krise, wie Passchier und Sürmelihindi durch Karbonatablagerungen von dort herausfanden – was die These der Cyprianischen Pest zusätzlich stützt.

Auf dem Land wurde das Wasser des Aquädukts noch weitere 140 Jahre genutzt, bis ins 5. Jahrhundert hinein. Die Menschen bohrten Löcher in die Seitenwände und entnahmen Wasser für die Landwirtschaft: Dies zeigen massive Kalkablagerungen auf der Außenseite des Aquädukts, die durch die Leckagen entstanden. "In 140 Jahren hätte die Stadt das Aquädukt problemlos reparieren können", sagt Passchier. "Offenbar war die Abnahme der Bevölkerungsdichte und des Reichtums der Stadt jedoch von Dauer."