Erdsystemwissenschaftler, Biologe und Geologe stellt im Sommersemester Konzept der Total History in den Mittelpunkt
28.11.2025
PRESSEMITTEILUNG DER STIFTUNG "JOHANNES GUTENBERG-STIFTUNGSPROFESSUR"
Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger ist Inhaber der 26. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2026. Der Erdsystemwissenschaftler, Biologe und Geologe wird im kommenden Sommersemester in zehn Abendvorträgen auf dem Gutenberg-Campus eine Annäherung an eine evolutionäre, also wesentlich durch Selbstorganisation geprägte Total History versuchen. Die öffentliche Vortragsreihe trägt den Titel "Wohin treibt unsere 'Welt in Unordnung'? Eine Annäherung an ein Total History der Erde, des Lebens und der Menschheit" und startet am 28. April 2026.
Volker Mosbrugger lehrte bis 2021 als Professor für Paläontologie und Historische Geologie an den Universitäten Tübingen und Frankfurt und leitete von 2005 bis 2020 die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, eine der weltweit bedeutendsten Einrichtungen für Natur- und Biodiversitätsforschung. Seit 2021 ist Volker Mosbrugger im "aktiven Ruhestand". Er koordiniert unter anderem die Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), ist Präsident der traditionsreichen Polytechnischen Gesellschaft, die sich für eine zukunftsfähige Entwicklung der Metropolregion FrankfurtRheinMain einsetzt, und engagiert sich in der Wissenschaftskommunikation, etwa in der Leitung des Königsteiner Forums.
In seinen Forschungsinteressen versteht sich Volker Mosbrugger durchaus als "Naturforscher" in der Tradition von Alexander von Humboldt. Seine Forschungsarbeiten befassen sich mit der Entwicklungsgeschichte von Organismen, von Ökosystemen, des Klimasystems und des Mensch-Natur-Verhältnisses. Bei diesen geo-historischen Analysen geht es ihm immer um ein systemisches Verständnis und um die Frage, wie ein nachhaltiges System Mensch-Natur gestaltet werden kann, sodass sich Humankapital, produziertes Kapital und Naturkapital zukunftsfähig entwickeln. Seine weltweiten Forschungsarbeiten haben ihre regionalen Schwerpunkte in Europa, in Lateinamerika und China, hier insbesondere in den Regionen Xinjiang und Tibet. Mit dem skizzierten inhaltlichen Fokus war Volker Mosbrugger auch Mitbegründer des Senckenberg Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrums in Frankfurt sowie des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen und des internationalen Third Pole Environment Program.
Volker Mosbrugger studierte an den Universitäten Freiburg und Montpellier Biologie, Meeresbiologie, Chemie und Geowissenschaften. Er wurde 1983 an der Universität Freiburg mit einem paläontologisch-evolutionsbiologischen Thema promoviert und habilitierte sich 1989 an der Universität Bonn für Paläontologie. Von 1990 bis 2005 war er Inhaber des Lehrstuhls für Paläontologie an der Universität Tübingen und wechselte 2005 an die Goethe-Universität Frankfurt in Verbindung mit der Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung als deren Generaldirektor.
Volker Mosbrugger ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Seine Forschungen und Aktivitäten wurden mehrfach ausgezeichnet:
- 2022: Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt
- 2021: Verdienstorden des Landes Hessen
- 2019: Honorary Professorship der Shenyang Normal University, China
- 2017: Hessischer Kulturpreis
- 2013: Cretzschmar-Medaille der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
- 2005: Ehrendoktor der Universität Lyon, Frankreich
- 2001: Honorary Professorship der Jilin University, China
- 1999: Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
In seiner Vorlesungsreihe im Rahmen der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2026 wird Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Volker Mosbrugger das Konzept der Total History vorstellen, eine Idee, die über 75 Jahre alt ist und auf dem systemischen Gedanken beruht: Alles hängt mit allem zusammen! In unserer heutigen Zeit der großen Weltunordnung wird diese Erkenntnis von Universalgelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts wie Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt meist vernachlässigt, indem allzu oft in Disziplinen, Sektoren und Partikularinteressen gedacht wird. Und vergessen wir nicht allzu leicht, dass wir es bei der großen Dynamik der Natur und der Menschheit nicht einfach mit ahistorischen physikalischen Prozessen, sondern auch mit geschichtlich gewachsenen Rahmenbedingungen und "Altlasten" zu tun haben?
Vor diesem Hintergrund wird Prof. Dr. Volker Mosbrugger in seiner Vorlesungsreihe die globale "Omnikrise" mit ihren vielfältigen Herausforderungen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit analysieren, dabei verschiedene "Common-Sense-Irrtümer" wie den vom "Gleichgewicht der Natur" ansprechen und ein langfristig optimistisches Szenario entwickeln – ganz im Sinne des Diktums von Max Frisch: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."
Stiftung "Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur"
Die Vereinigung der Freunde der Universität Mainz e. V. hat die Stiftung "Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur" anlässlich des 600. Geburtstags von Johannes Gutenberg im Jahr 2000 eingerichtet . Sie ist beim Studium generale der JGU angesiedelt. Bisherige Inhaber der Stiftungsprofessur waren der Kulturhistoriker und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Fritz Stern (2000), Evolutions- und Soziobiologe Bert Hölldobler (2001), der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (2002), der ehemalige Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald (2003), der ehemalige Exekutiv-Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) Klaus Töpfer (2004), Komponist und Dirigent Peter Ruzicka (2005), Experimentalphysiker Anton Zeilinger (2006), Immunologe Fritz Melchers (2007), Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma (2008), Karl Kardinal Lehmann (2009), Neuropsychologin und Kognitionswissenschaftlerin Angela D. Friederici (2010), Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Gottfried Boehm (2011), Paläoanthropologe Friedemann Schrenk (2012), Finanzwissenschaftler Gerold Krause-Junk (2013), Physiker Christof Wetterich (2014), die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann (2015), Biopsychologe Onur Güntürkün (2016), Informatiker Wolfgang Wahlster (2017), Politikwissenschaftler Herfried Münkler (2018), Zellphysiologe Hanns Hatt (2019), Bundespräsident a.D. Joachim Gauck (2020/2021), Polar- und Tiefseeforscherin Antje Boetius (2022), Kirchenhistoriker Hubert Wolf (2023), Medizinethikerin Bettina Schöne-Seiffert (2024) sowie Primatenforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Julia Fischer (2025).