Nitroglyzerin verursacht Schäden am Erbgut

Studie von Mainzer Kardiologen bewertet Rolle des gefäßerweiternden Wirkstoffs neu

08.09.2016

Eine Forschergruppe um Prof. Dr. Andreas Daiber von der Universitätsmedizin Mainz hat neue Nebenwirkungen des organischen Nitrats Nitroglyzerin aufgedeckt. Diese könnten die Prognose der behandelten Patienten nachhaltig beeinflussen. Wie die aktuelle Mainzer Studie zeigt, führt eine mehrtägige Behandlung mit Nitroglyzerin zu einer Schädigung des Erbguts, die vor allem in den für Reparaturprozesse wichtigen Stammzellen sowie den Endothelzellen ein Absterben auslösen können. Letztere bilden die Trennschicht zwischen Blutstrom und umliegendem Gewebe. Die aktuelle Arbeit ist in der Fachzeitsschrift Basic Research in Cardiology erschienen.

Als Medikament wird Nitroglyzerin vor allem aufgrund seiner gefäßerweiternden Wirkung eingesetzt – und wirkt so einer Minderdurchblutung (Ischämie) etwa bei Angina pectoris oder Herzinsuffizienz entgegen. Die aktuelle Studie greift frühere Befunde klinischer Untersuchungen auf und zeigt, dass dieses klassische und lange erprobte antiischämische Medikament im Tiermodell und in der Zellkultur oxidative Schäden an der Erbsubstanz DNA induziert. Diese Schäden wiederum führen zu Brüchen in der DNA-Kette und somit zur Apoptose, dem programmierten Zelltod.

Die Daten zeigen weiter, dass beim Aussetzen der Nitroglyzerinbehandlung diese oxidativen Schäden fortbestehen und sich in einer bleibenden, wenn auch geringen Verschlechterung der Gefäßfunktion – im Fachjargon Endothelfunktion – niederschlagen. Da eine gestörte Endothelfunktion etwa über die Regulation des Blutdrucks und die Hemmung oder Aktivierung des Gerinnungsprozesses nach wie vor als Vorhersagefaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen diskutiert wird, kann die eingeschränkte Endothelfunktion unter Nitroglyzerintherapie zu einer schlechteren Prognose von Patienten mit diesem Medikament führen. "Zukünftige Studien müssen diese Befunde im klinischen Alltag verifizieren", betont Daiber, Leiter der Arbeitsgruppe für Molekulare Kardiologie am Zentrum für Kardiologie/Kardiologie I der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). "So können wir Nutzen und Risiken organischer Nitrate wie Nitroglyzerin für den Patienten abwägen und entscheiden, ob sie bei chronischer Anwendung zum Vorteil oder Nachteil für den Patienten sind."

Die aktuelle Studie wurde vom Forschungszentrum Translationale Vaskuläre Biologie (CTVB) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und vom Standort Rhein-Main des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) unterstützt. Das CTVB hat diese Arbeit als "Paper of the Month" ausgezeichnet. Erstautorin ist die Doktorandin Yuliya Mikhed.