DFG-Forschungsgruppe untersucht Verschwörungstheorien aus neuer Perspektive

Rund vier Millionen Euro für von der Universität Mainz geleitetes Verbundprojekt in Psychologie und Kommunikationswissenschaft

18.09.2026

Eine neue Forschungsgruppe nimmt Verschwörungstheorien aus einer bislang wenig beachteten Perspektive in den Blick: Sie untersucht nicht nur ihre negativen Folgen, sondern auch, welche Funktionen sie für Einzelne, Gruppen und Gesellschaften erfüllen können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in Zusammenarbeit mit sieben anderen Forschungseinrichtungen in den kommenden vier Jahren mit rund vier Millionen Euro. Davon entfallen rund 1,2 Millionen Euro auf das Teilprojekt der JGU. Anschließend ist eine Verlängerung der Förderung um weitere vier Jahre ist möglich.

"Verschwörungstheorien werden bislang vor allem mit Blick auf ihre negativen Folgen untersucht“, sagt Prof. Dr. Roland Imhoff, der an der JGU die Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie leitet und die neue Forschungsgruppe koordiniert. "Wir wollen diese Perspektive erweitern und systematisch fragen, welche psychologischen, sozialen oder gesellschaftlichen Funktionen sie unter bestimmten Bedingungen erfüllen können."

Politik, soziale Medien und psychologische Motive

In der neuen Forschungsgruppe "Jenseits des Wahnsinns: Die Analyse von Verschwörungsüberzeugungen unter Berücksichtigung von deren Vorteilen" arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft zusammen. Durch die Verbindung beider Disziplinen soll ein umfassenderes Verständnis davon entstehen, wie Verschwörungstheorien wirken und welche Funktionen sie in verschiedenen Zusammenhängen erfüllen können. Beteiligt sind neben der JGU die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, die Universität Mannheim, die University of Southern Denmark in Odense, die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau sowie das Leibniz-Institut für Psychologie in Trier.

Inhaltlich konzentriert sich die neue Forschungsgruppe auf drei Bereiche. Zum einen geht es um Verschwörungstheorien in der Politik. Dabei wird etwa untersucht, welche Rolle sie für politische Einstellungen, politisches Engagement und Identitätsbildung spielen und wie sie mit Radikalisierung oder Misstrauen gegenüber Institutionen zusammenhängen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf sozialen Medien, wo Verschwörungstheorien besonders schnell verbreitet und diskutiert werden. Drittens geht es um die Frage, welche psychologischen Motive solche Überzeugungen begünstigen, etwa das Streben nach Kontrolle, Zugehörigkeit oder einfachen Erklärungen für komplexe Ereignisse.

Dabei geht die Forschungsgruppe davon aus, dass mögliche Funktionen von Verschwörungstheorien und ihre negativen Folgen kein Widerspruch sein müssen. "Was für Einzelne kurzfristig Orientierung, Zugehörigkeit oder das Gefühl von Kontrolle vermittelt, kann langfristig Misstrauen, gesellschaftliche Spaltung oder Radikalisierung fördern", sagt Imhoff. Die Forschenden wollen genauer untersuchen, unter welchen Bedingungen solche unterschiedlichen Wirkungen entstehen und wie sie zusammenhängen.

Verschwörungstheorien im Jugendalter

Das Teilprojekt der JGU nimmt die Entwicklung verschwörungstheoretischer Weltbilder im Jugendalter in den Blick. "Durch Studien in Schulen und Familien versuchen wir besser zu verstehen, welche Faktoren Jugendliche darin bestärken, sich die Welt als von geheimen Mächten gelenkt zu erklären", sagt Imhoff, der an der JGU seit Jahren zu Verschwörungsglauben und dessen politischen und gesellschaftlichen Folgen forscht. "Dazu könnte etwa das Gefühl gehören, das Weltgeschehen besser zu verstehen, einen Erkenntnisvorsprung gegenüber Gleichaltrigen zu haben, von ihnen als einzigartig wahrgenommen zu werden, innerfamiliäre Konflikte zu vermeiden oder sich in der Haltung bestätigt zu fühlen, dass man Autoritäten nicht trauen kann." Solche Erfahrungen könnten zumindest kurzfristig als positiv erlebt werden und dazu beitragen, dass verschwörungstheoretische Erklärungen für Jugendliche attraktiv erscheinen oder sich verfestigen.