Pflegenotstand in Deutschland: Migrantische Pflegekräfte als Lösung für Staat und Familien?

Abschluss eines dreijährigen Forschungsprojekts zur Langzeitpflege von alten Menschen im deutsch-niederländischen Vergleich und internationale Konferenz zum Thema Pflegenotstand in Mainz

27.02.2019

Deutschland im Pflegenotstand – das Schlagwort von der unzureichenden finanziellen und personellen Ausstattung der Pflegestrukturen ist schon seit Langem bekannt, aber an der Situation scheint sich nichts zum Besseren zu wenden, eher im Gegenteil. Die Zahl der Älteren und Pflegebedürftigen nimmt zu und damit auch die Zahl der Menschen, die zu Hause gepflegt werden möchten. Viele Familien fühlen sich zur häuslichen Pflege eines Angehörigen moralisch verpflichtet, oft ist dies aber alleine kaum zu schaffen. Eine gewisse Hilfe kann die Anstellung von ausländischen Pflegekräften bringen, allerdings sind diese Arrangements in verschiedener Hinsicht äußerst problematisch. Die migrantischen Pflegearbeiterinnen verfügen häufig über keine entsprechende Ausbildung, müssen rund um die Uhr zur Verfügung stehen und werden unter Mindestlohn bezahlt. Ein Forscherteam an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat diese Pflegearrangements untersucht und wird dazu und zum Thema Pflegenotstand am 11. und 12. März eine internationale Konferenz abhalten.

Steigende Kosten, überforderte Familienangehörige, ein Mangel an Pflegekräften und die zunehmende Komplexität des gesamten Systems sind die wesentlichen Faktoren des anhaltenden Pflegenotstands in Deutschland. Nicht nur staatliche Stellen, sondern auch private und öffentliche Pflegeeinrichtungen suchen neue Arbeitskräfte im Ausland und laut einer Recherche der Stiftung Warentest werben über 250 Vermittlungsagenturen mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch ausländische Hilfskräfte in Privathaushalten. Kamen diese migrantischen Pflegearbeiterinnen bisher vorwiegend aus Polen, so reisen jetzt zunehmend auch Frauen aus anderen osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder der Slowakei an. Sie wohnen mit den Familien unter einem Dach und kümmern sich um die Pflegbedürftigen und teilweise auch um den Haushalt.

Gemäß einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind rund 200.000 Care-Arbeiterinnen aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland tätig; die Dunkelziffer ist allerdings hoch. "Uns hat überrascht, wie stark verbreitet diese Pflegearrangements mit migrantischen Arbeiterinnen mittlerweile sind", teilt Prof. Dr. Cornelia Schweppe von der JGU zu den dreijährigen Untersuchungen mit. "Dabei erfolgt der allergrößte Teil dieser Anstellungen informell, das heißt, es besteht kein reguläres Arbeitsverhältnis, die Arbeitszeiten sind zu hoch, der Lohn niedrig. Im Grunde weiß dies jeder, aber es wird nicht interveniert." Schließlich scheinen diese Arrangements auf den ersten Blick im Interesse aller Beteiligten zu sein: Die Familien haben eine Lösung gefunden, die migrantischen Pflegekräfte eine im Vergleich zu ihren Herkunftsländern besser bezahlte Tätigkeit und der Staat kann am bisherigen Pflegesystem festhalten, statt unpopuläre, weil teure Reformen durchzuführen.

Beschäftigung von migrantischen Pflegearbeiterinnen in Familien: Die Chemie muss stimmen

Wie die Untersuchung zeigt, spielt es für die Familienangehörigen zunächst kaum eine Rolle, dass die migrantischen Pflegearbeiterinnen in der Regel über keine entsprechende Ausbildung verfügen. Wichtig ist vielmehr die zwischenmenschliche Ebene. "Die Chemie muss stimmen", sagt Schweppe zu dem Befund, der auf Interviews mit Familienangehörigen und Migrantinnen basiert.

Die Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler haben nicht nur festgestellt, dass diese Art von Pflegearrangements stark zugenommen hat, sondern auch, dass es die unterschiedlichsten Konstrukte gibt: Bei dem klassischen Modell pendeln die Pflegekräfte alle drei Monate nach Hause im Wechsel mit einer zweiten Kraft, bei Schwerstpflegebedürftigen sind Familienmitglieder weiterhin stark in der Pflege involviert, in anderen Fällen werden ortsfremde Familienangehörige im Wechsel mit den ausländischen Hilfen einquartiert oder es werden zwei migrantische Pflegearbeiterinnen gleichzeitig beschäftigt. "Das Modell wird außerordentlich flexibel genutzt, sodass es allen möglichen Bedürfnissen gerecht wird", sagt Dr. Vincent Horn, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsteams. Das Ausmaß dieser Arrangements sei aber, so Horn, nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Gang ins Altenheim abgelehnt wird und die Familie mit der Betreuung an ihre Grenzen stößt. "Die Familienangehörigen haben ein starkes Verpflichtungsgefühl gegenüber den zu pflegenden Personen, was auch auf das schlechte Image der Pflegeheime zurückzuführen ist", erklärt Horn weiter.

Österreich und Niederlande als Wegweiser?

"Wir können anhand unserer Studie keine allgemeinen Schlüsse ziehen, was gute Pflege bedeutet. Dazu sind die Bedingungen in den Familien zu verschieden", so Horn. Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem deutschen System der Altenpflege um ein Flickwerk handelt, das vor allem die Familien in die Verantwortung nimmt – und sie mit irregulären Pflegearrangements allein lässt. Ein Blick über die Grenzen könnte zeigen, dass es auch anders geht. Österreich hat zum Beispiel 2007 die qualitätsgesicherte 24-Stunden-Betreuung auf eine legale Basis gestellt. Die Niederlande haben bereits vor Jahrzehnten entschieden, einen professionellen öffentlichen Pflegesektor zu schaffen und gleichzeitig die Familien aus der Verantwortung zu nehmen. "Die Niederlande verfügen heute über ein sehr gutes Netz ambulanter Dienste und anderer Hilfen im Haushalt", beschreibt Horn die Situation im Nachbarland. Mit der finanziellen Ausstattung und den bisherigen Regulierungen der sozialen Pflegeversicherung in Deutschland wäre dies allerdings nicht zu machen.

Wie es mit der Altenpflege in Deutschland und auch international in Zukunft weitergehen könnte, wird Thema eines Symposiums, das am 11. und 12. März 2019 in Mainz stattfindet. "The Long-Term Care Crisis: Tapping into Labour Resources Within and Across National Borders" befasst sich mit dem Pflegenotstand in vielen industrialisierten Ländern und tragfähigen, nachhaltigen Lösungen für die Zukunft – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Verfügbarkeit migrantischer Pflegearbeiterinnen zukünftig möglicherweise knapper wird. Wie kann man Arrangements in der häuslichen Pflege gestalten, damit die Qualität der Pflege gesichert ist? Wie kann man das Risiko der Gewaltanwendung minimieren? Wie können die Arbeitsbedingungen fair gestaltet und rechtlich abgesichert werden? Wie genau läuft die Pflege in anderen Ländern? Referenten aus den USA, Asien, Israel und Europa werden bei dem Symposium über den Pflegenotstand und die Wanderbewegungen von Pflegekräften über Grenzen hinweg sprechen. Die Veranstaltung findet am Montag, 11. März und Dienstag, 12. März im Erbacher Hof, Grebenstr. 24-26, 55116 Mainz statt.

Das Symposium markiert gleichzeitig den Abschluss des dreijährigen Forschungsprojekts "Entwicklung und Bedeutung transnationaler Altenpflegearrangements", das von der Arbeitsgruppe Sozialpädagogik der JGU im Verbund mit der Universität Nijmegen in den Niederlanden durchgeführt wurde. Finanziert wurde es aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Netherlands Organisation for Scientific Research (NWO).